Gedanken zum Tango
Als ein paar Menschen vor etwa 20 Jahren die ersten Versuche unternahmen, den Tango in Europa (z.B. in Berlin, Amsterdam, Stuttgart) in seiner authentischen – argentinischen Form einzuführen, konnten selbst Optimisten kaum ahnen, dass es zu einer solchen Tango-Bewegung kommen würde. Es ist sicherlich spannend nach der Faszination zu fragen, die vom Tango ausgeht. Kaum jemand, der mit Tango in Berührung kam und von ihm nicht fasziniert wurde. Für viele Menschen ist der Tango sogar ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Bereits der getanzte Tango birgt Geheimnisse und gibt Antworten preis. Sämtliche Schwierigkeiten und Gemütszustände können in einem Tanz durchlaufen werden.Und doch, der Tango ist mehr als ein Tanz: Er spiegelt eine Philosophie im Leben wider, die auf intensiver Kommunikation beruht. Sich auf einen Tanzpartner einzulassen, die Annäherung zu suchen, ohne das eigene Ich aufzugeben. Rhythmus in Bewegung umzusetzen, Musik zu interpretieren und stets die richtige Schrittkombination aus einer beinahe unendlichen Fülle von Möglichkeiten auszusuchen, all das wird in ein Ritual eingebunden, das meist um die zwei Minuten dauert.
So intensiv und schön es sein mag, Tango zu tanzen, so schön ist es auch, Tanzenden zuzuschauen. Die Musik und die mit ihr verbundene Lyrik sind ein weites Feld, das zu entdecken sich ebenfalls lohnt. So gesehen gibt es auch viele Tangueros, die nicht unbedingt tanzen. Zu einem Tanzabend zu gehen ist vielmehr ein gesellschaftliches Ereignis. Man trifft sich mit vielen Freunden und keiner bleibt ausgeschlossen. Im Zeitalter der „tausendundeins“ Fernseh- Kanäle, wo die Sprache geradezu verstummt und die Vereinsamung fortschreitet, wirken die Tango-Abende als Oase der Kommunikation und des Gesprächs – fast wie ein Relikt aus alten Zeiten. Es ist unsere feste Überzeugung, dass es sich lohnt, ein solches Relikt in unsere Tage hinüber zu retten.
Carlo Sansour
